Schnell muss man sein

Und da blüht sie, die Leinblättrige Tulpe, die im vorigen Beitrag erst mal nur ihre Blätter zeigte.
So vornehm zurückhaltend sieht sie in den frühen Morgenstunden aus:P1060254
Und so lockt sie in der warmen Mittagssonne  ihre Bestäuber an:
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Der starke Glanz auf der Innenseite der Blütenblätter und die Farbkontraste muten fast unwirklich an. Toll muss es aussehen, wenn diese Tulpe in ihrer Heimat, der Bergwelt Zentralasiens, im nördlichen Iran und Afghanistan ganze Hänge überzieht.
An diese Lebenswelt sind die Tulpen perfekt angepasst: Die langen kalten Winter überstehen die Zwiebeln tief im Boden. Blüten und Blätter sind in ihnen bereits angelegt, so dass sich, sobald es wärmer wird, Blätter und Blüten rasch aus dem Boden schieben können. Kurze Zeit findet sich auch genügend Feuchtigkeit. Aber viel Zeit bleibt ihnen nicht, bis der Boden austrocknet und die Sonne unbarmherzig vom Himmel brennt. Bis dahin müssen ihre Samen ausgereift sein, die zu neuen Pflanzen heranwachsen und zur Verbreitung beitragen können. Aber auch die bestehende Pflanze will überdauern, sie assimiliert in der kurzen Zeit viel Kohlenstoff und bildet neue Zwiebeln, um nach einem heißen Sommer und einem eiskalten Winter im nächsten Frühjahr wieder ganz schnell mit Blüten und Blättern zur Stelle zu sein, wohingegen es meist mehrere Jahre braucht, bis aus Samen blühende Tulpen entstehen.
Wenn man diese Überlebensstrategie der Tulpe kennt, weiß man damit auch, was alle Tulpen mögen und was ihnen schadet. Zwar sind die meisten Tulpen, die in unseren Gärten angepflanzt werden, das Ergebnis eines langen Züchtungsprozesses, aber sie haben viel von ihren wilden Vorfahren behalten: Sie mögen keine stauende Nässe, sie ist tödlich für die Zwiebeln. Und ihre Blätter müssen auch nach der Blüte noch eine Weile Kohlenstoff assimilieren und in die Zwiebel einlagern können. Auf keinen Fall darf man also nach der Blüte die Blätter beseitigen, bevor sie nach wenigen Wochen von selbst absterben. Die Pflanze würde verhungern. Und das möchte man diesen Schönheiten doch nicht antun.

Noch eine wilde Schönheit, die in etwas größerer Nähe von uns beheimatet ist: Tulipa saxatilis, die Felsentulpe, die man wild auch auf Kreta und in der Türkei finden soll.

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Hier hat sie auf unserer Trockenmauer Fuß gefasst, hoffentlich dauerhaft.

 

An ganz anderer Stelle im Garten, nämlich im Gehölzstreifen in einem etwas beschatteten Winkel wartet eine andere Pflanze, die genaues Hinschauen lohnt: ein ganzer Trupp der Zahnwurz.
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Warum sie sich in kurzer Zeit  an Stellen, die ihr zusagen , massenhaft ausbreiten kann, erkennt man, wenn man -nachdem man die Blüten aus der Nähe bewundert hat- sich den Stängel genauer anschaut:
P1060289Hier findet man in den Blattachseln kleine Brutzwiebeln, d. h. winzige kleine vorgebildete Pflänzchen, die zu Boden fallen und anwachsen können. Und dazu ist der Spross auch unterirdisch ganz aktiv, wächst unterirdisch weiter und bildet an anderer Stelle wieder oberirdische Triebe. So kann sich rasch ein ganzer Trupp bilden. Übrigens verdankt die Pflanze  diesem unterirdischen Sprossteil auch ihren Namen: die rudimentären Blättchen sehen ein bisschen wie Zähne aus.
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Letztendlich dreht sich vieles im Pflanzenreich darum, schnell seinen Platz zu behaupten. Und wenn es sich da um so attraktive Bewohner handelt, freut es mich.